die Aufspaltungsrealitäten | die Losgelöstemotionen

Letztes

handaufflächen

bekam ein wort geschenkt: ’serendipity.‘ summende irrlichter um das fastenfeuer.N. du sprachst von brombeermündern und libellenaugen und ich schrieb es auf und wir ließen sie wiederfliegen.K.

schreibe das trockene gras, das mich kupfersticht, immer pointillierter meine beine, umschreibe die lichtflecken, die aus den dunkelhängenden bergen leuchten. gilbbärtige steingreise wälzen äonenlangsam ihre bäume ab, sich auf ihre ellenden himmelsbögen stützend, und die wenigen häuser rutschen in die talfahrt.B.(D.) ihre silhouetten gegen das mondlicht und ich zeichne sie mit meinen feuerfühlern nach, nur ganz kurz aufflackernde irisbrände hinterlassend.Jj.

male dich mit nachdruck an die wand des busses, bis dir die luft wegbleibt und die zeit. wortnesten und schwallen und ohne unterlassE. und keine angst mehr. festhaltungen und nichtmehrlossagungen, der körper vibriert, faltet im takt, im bass, durchströmt organe, nimmt atmung, unterschlägt. zerbersten und das beständige lächeln und die ruhe danach. die vermissung ist durch den nebel gewatet und auflösung ohne aufzufallen.P.(R.) eine verhedderung und eine liebesmühe.

tagregen. haltegurte um fußgelenke, haltestellen im kopf. unauffindbarer stausee in der mulde zwischen schlüssel und bein und nacken. handaufflächen. ‚the face is here‘, die finger gebärden und die hände umtanzen,J. die feuchtigkeit dringt durch fußsohlen, fließt in knochenkanälen, spucke aus, bevor sie in nebenhöhlen dringt. die leichtigkeit, mit der ich über die saite streiche ist nicht die meine.M.

vielversteherin und doch nicht. frag‘ mich nach meinen namen und ich werde dir tanzend antworten. gutturale regentrommeln aus metallmelodie.W. frag‘ mich nach meiner kindheit und ich werde mit den zehen wackeln und lachen, bis du nicht mehr stehen kannst und lachst und mitgehst und lachst und dir alles von oben besiehst, die glitzerschneekugel umdrehst und flirrend zu boden fällst, dir den bauch haltend.A.

der geruch von sonnencreme auf erröten. ‚orgasmic void‘, höre die sonnenstäbe auf meinen ohrläppchen und töne in ihrem rhythmus.B. mit gewaschenen haaren durch den regen, rosmarin in der luft, blitzkränze um augen. führe meine fragen unter sekundenwimpern mit mir. die opiumzahnfüllungK. doch lieber in den keks oder die venusfliegenfalle und über die grenzübergänge.

Advertisements

abendfußnoten

neuanfang brauchen und keine ahnung haben. reicht mir das ende eines fadens und ich werde ihn benutzen.

in mir ist das meer, mein haar bewegt sich im wellengang, während ich hier sitze. wünsche mich an eine felsküste und habe nur den ort hinter meinen augen. um mich herum gemurmel und die angst, stimmen herauszuhören. jede wellenbrechung ein mensch, in jedem schwappen eine stampede. will den platz zum atmen nicht, gutgemeinte überlassenschaft. diese zerbrochenheit, die mich an süßigkeiten der kindheit denken lässt, die zuckerscherben am grund, die eins mit abgelecktem finger aufliest und in den mund steckt, genusssüchtiges wehmühen, eine form von ende. sich vornehmen bei kaffee zu bleiben und dann doch rotwein und neben mir redet ein mann von seinem großvater und ich denke an den geruch, den räucherstäbchen noch nach tagen hinterlassen.

,eine vermummung‘, sagt mayröcker und ich löse mich auf in ihr. könnte auf ewig ihre worte weiterspinnen in meinen eingeweiden, da sind keine eigenen, lausche dem fremdrumoren unter meiner bauchdecke. ,unendliche schwärme von tränen‘, wenn ich in mich hineinsumme und die stille mich zischen macht. über den heftrand hinausschreiben, mich über den tisch spülen. herabtropfen an den rändern. wiedertrinken, das eigene erbrochene immer wieder aufsaugen, nichts bei sich behalten können, nichts übrig lassen. jeder punkt eine frage. ihre wortmalung strömt in meinen ohren. blattweise ventilität.

eine nachricht in einem buch finden, das schon lange in meinem besitz ist und sich die eigene überraschung und die nachricht erdenken. ,weil du so immer in mir strömst.‘ – in liebe, E.
auf der suche nach einem unverbrauchten lebensmantra.

das blau des himmels ist barfuß durch hiroshima no gen. es spielt für elise und ich bin unentschuldbar. spiele instrumente nur in meinem kopf, mein musikunvermögen schmerzt mich steinwehen. sammle meine krumen auf, rette sie vor den vögeln. ,tauben füttern, heißt drachen mästen!‘, die in den zwischenräumen und schächten leben. das drachenfeuer löst menschen auf, verzehrt sie, lässt nichts übrig mit einem hauch, nur ihre schatten bleiben an den hauswänden.

,zähme mich!‘ sein orangedunkelsamtrotes fell sträubt sich unter meiner handfläche, die zu beruhigen sucht, nicht ablassen könnend von der zarten struktur seines kopfes. ein letzter blick, er verschwindet in seinem bau. dieser fuchs gehört sich, so oft er sich auch anbietet.

jeder zug ein strich, der aschenbecher wird abgeräumt und ich verliere die übersicht. nicht wissen, wann es zeit ist zu gehen, schamlosigkeiten überstrapazieren.

taktiles fittichgestrüpp. umgürte mich mit flügelspannen.

fahre mit der fingerkuppe über geschriebenes, schließe das hinter den augen, horche, lächle, vergesse sofort. fahre mit der anderen hand über die schwiele an der seite meines mittelfingers, dieses schreibmal täuscht. verzehrung nach worterfindungen. ausgangspunkte sind anfänge, die ich mir borgen muss.

trunken von zuckersplittern auf meiner zungenspitze. mein vater im morgenmantel der sagt: ,strecken ist gut. streck‘ dich so oft du kannst. fühl‘ deine muskeln.‘ spüre, wo ich aufhöre. male mit den fingerspitzen mir unverständliche zeichen in das notizbuch. ,bücher für’s leben‘ und kafka stiert durch mich hindurch. die mantide in mir zuckt nervös mit ihren mandibeln, streckt ihre fangarme blitzartig nach staubfäden, die von den bücherregalen hängen.

die gedanken frieren fest, zu dem zeitpunkt, an dem das bein einschläft oder auch beide. sich mit bernhard im kreis verlaufen und ihn herausbrüllen und ihn heiserflüstern und nicht aufhören können zu gehen, also denken, bis der fuß wegnickt oder auch und so fort.

unaufbereit-
etes. falsch aufgetrennt und die sehnen schmelzen im schritt, lasse die schultern fallen, invertiertes schulterzucken, habe sie immer hochgezogen, was mir diese geste der ratlosigkeit nur revers ermöglicht, ihre bedeutung verkehrend.

mir träumte, dieses heute habe viele glieder, vielsamtene panzersegmente eines exoskeletts. herbeiimaginierte wegspreizungen, nichts ist so feingliedrig wie die gabelungen der nacht.

fischgrätenzeit

sich an den fingerspitzen hell leuchtende, überschüssige lebenszeit abschneiden, minutiösminutenweise. die prozedur an den zehen wiederholen, an den haaren, immer im gleichen takt, nicht altern, sich im jungbrunnenschlamm wälzen, dem überbleibsel von etwas, das irgendjemand anders irgendwo anders einmal zu finden hoffte, dessen quelle längst versiegt ist, doch die erde noch feucht hält. in fleisch schneiden, sich öffnen und loslassen, zerrinnen und in allem versiegen, sich zur ader lassen und dem fluss beimengen, tröpfchenweise, sandkorn um sandkorn, schuppe um schuppe und sekunde.

der boden auf dem mein ich sich bewegt besteht aus ineinandergeschobenen zeitachsen, die ein fischgrätenmuster ergeben. wandle morgen auf dem gestern, das zu heute wird, wenn meine nackte fußsohle das parkett berührt, spüre deutlich die rillen der zeitstränge, ihre textur, ihre an- und un- und zerrordnung und wie die feuchtigkeit der jahre das holz aufquellen hat lassen. punktuelle ereignisse stehen hervor, bohren sich mir in die ferse bis ins hirn, erinnerungen an eine einkaufsliste in drei jahren, fünf tagen, dreizehn stunden, achtundzwanzig minuten, ein paar brocken sekunden, die mich lust auf vanilleeis haben lassen, viel zu früh aus der momentanen perspektive aber was heißt das schon für die zeit und ihre schichten, ihre körner und verwellungen, ihre gräten.

der moment, in dem ich im auto sitze, verbissen meine knie anstarre und mich schäme, weil mein vater noch ein mal aussteigen muss, um meine schuhe aus dem kindergarten zu holen und das zucken, mit dem ich mitten auf der straße innehalte, weil ich auf etwas lebendiges getreten bin und von einer stoßstange abpralle, auf dem asphalt zu liegen komme, vergrätschen ineinander. der gemeinsame nenner bin ich, es gibt nur ichzeit, bestehend aus ichpunktzeiten, die aneinandergereiht ein leben ergeben, in das man treten, das man barfuß erspüren kann. jede unebenheit ein ereignis und nirgends eine plane fläche.

portionierung in akribisch abgepackte flugzeugmenüs, in grobheiten, die aus meinem mund stürzen und auf menschen treffen, in grashalme, die du zwischen deinen fingern zerpflückst, als du mir etwas wichtiges erzählst, dessen worte mir entfallen sind, dessen eisgefühl in meinem magen bleibt. portionierung in handgezähmte sichelförmige gruben, die meine fingernägel in meinen handballen hinterlassen, mit denen ich dir antworte und die nicht aufhören nachzuschorfen. gefrorene momentaufnahmen rinnen mir den körper herunter, pulsieren unter meiner haut, meinen organen, verschleißen meine leber, meine lunge. erst mit der messung kommt das schale, jede sekunde ein hauch und eine spitze und ein stück baumharz unter meinem nackten fuß, dessen geschmack sich langsam in den grund eintritt.

[aus dem notizbuch, 27.06. 2012]

die Durchlässigkeit der Dinge

Mein Schatten, ein langgezogener Abdruck von mir, in den Boden gemeißelt, gedrückt, gefallen, der Zweidimensionalität verhaftet, doch nicht plan, ein Portal, in das man treten und sich selbst hinter sich zuziehen will, es bei jedem Schritt versuchend, sich nichts scherend um das letzte Scheitern und das davor. Der nächste Schritt könnte es vollbringen, der Zünder sein, dafür in sich selbst zu treten, mit sich zu verwachsen, eins zu werden mit dem Abbild, das an Gemäuer und Balken geworfen, einen Hauch von sich darstellt, so flüchtig, doch allgegenwärtig. Die Frequenz meines Atems taktet meine Schritte, sie werden begehrlicher, ich schreite weiter aus, nehme die Entfolgung auf, begehe jeden siebten Schritt stampfend, den Viervierteltakt niederringend, den mein Atem mir vorgibt. Meine Sicht verschwimmt, Bäume schlieren vorüber, meine Gedanken pochen nur noch um mich, nur noch hinter mir her. Der Hasenschatten läuft Zickzack und ich hinterdrein, hinein und hindurch und ich falle, nicht plötzlich, eher sehr beständig und langsam, sinke ab, schmelze in den Untergrund, löse mich auf und kümmere mich nicht um die Folgen, gespannt darauf was als nächstes kommt, gespannt auf das Unbekannte und das darin.

Spüre den Boden mich langsam aufsaugen, dann schneller, ich teile mich bereitwillig, werde geteilt, gespalten, mühelos, passe mich der Umgebung an, werde angepasst, passend gemacht, fahre durch Geröll, durch Bodengrund, durch Substrat, schwemme Nährstoffe auf, bin nahrhaft, spüle Mineralien mit mir und Salz und Steine und Kleinteiligkeiten, spüre mich nicht mehr, nur Fels und lange Wurzelstränge, mal dick, mal dünn, mal unumwunden, spüre alles auf einmal an mir vorbeisausen, spüle um mich, dieser Wunsch sich auszudehnen, so mächtig, das was ich war verlierend, Volumen gewinnend, es gibt kein Dunkel, nur Struktur an der ich mich abarbeite und entlangschlängele, sie einhüllend, sie glättend, sie durchstoßend, Poröses und Schlammiges, Wächsernes und Wachsendes, einem steten Fluss unterworfen.

Ein Sog umgreift mich und alle meine Teile die ‘ich’ schreien und flüstern und weinen und stöhnen werden emporgehoben, partikelweise, etwas bleibt zurück und ich weiß, das ist gut so. Schlacke fällt von mir ab, die mich sperrig sein hat lassen und nun nicht mehr ist. Ich lasse mich los und die Leichtigkeit steigt empor. Ich fülle Zellen, mache ihre Wände geschmeidig, spanne sie, mache sie flexibel und helfe ihnen zu widerstehen, sich abzugrenzen, zu sein, fühle mich so mitosmotisch, ich bin Gras, ich bin Sprössling, ich bin Antrieb, treibe an in meinem fortwährenden Wallen, bin ein Schluck Wasser für die Dürstenden und alles dürstet und nimmt mich auf, macht mich ein Teil von sich, so nebenbei bereitwillig, ich bin Blätter und Fell und Haut, Rinde und Membran, der Sog zieht mich empor, durch kleinste Verästelungen, pulsierende Adern, fraktale Strukturen, innen und außen, selbstähnlich, ganze Küstenlinien und Flusssysteme auf kleinstem Raum, unermeßliche Landschaften, für die ein Ende nur ein Märchen ist, das sie sich schweigend erzählen, während sie wuchern und wachsen und Form finden und Form geben und immersofort.

Es gibt mich schon immer, es gibt mich nur jetzt, ich bin das Alter und die Neuerung, drängend, abwärts, aufwärts, ich bringe Kleinstes zum Platzen und Größtes dazu sich zu mehren, ich bin das, was dich laufen macht, laufen lässt, das, was dich innehalten, und schnaufen und schwitzen lässt. Ich bin dein Schlucken, dein Stolpern, ich bin dein Stillstand – ich komme an. Ich komme an in Vielem, ich bin viele und ich spüre die Wärme der Sonne, das Aufseufzen zahlloser Leiber, ob ihrer Strahlen, das Ächzen unzähliger Pflanzen, bin grün, bin grau, bin fasrig und eben, ich bin du und ich bin die Anderen, ich bin der ganze Rest, ich bin das in zu vielen vergessenen Sprachen zu viele Namen Tragende, ich bin das noch Unbenannte.

Die Durchlässigkeit aller Dinge gibt mich frei, dörrt aus, verrunzelt, die Wärme wird zu Hitze, zu Wüste, zu Entsetzen, nichts ist von Dauer, nichts kann für immer gehalten werden, für immer umarmt, die Arme erschlaffen, die Hände fallen ab, Finger um Finger, Halm um Halm und ich bin frei und ich steige auf. Kein ich mehr, nur Durst, keine Grenzen, nur Ausbreitung, kein Halt, die Distanz zu allem vergrößert sich, ich bin mir fern und noch ferner, werde weit, winde mich am Horizont entlang. Ich weiß, ich werde wiederkommen, alles neu beginnen, alles neu anstrengen, dann Freiheit, dann Nichtdenken. Spüre nichts, empfinde alles. Komme wieder.

die schweine spitzen die ohren

schreibwahn ist nichts weiter als ein perfider ordnungswahn. dieses beharren auf syntax auf rechtschreibung, darauf gedanken aneinanderzuordnen, zu schlichten, zu katalogisieren. karton aufmachen, gedankenstrang einrollen, mit kabelbinder fixieren, das runde in das eckige, so viel platz geht dabei verloren, so viele stränge wickeln sich wieder auf, so sehr man sie auch festzurrt, so gut man sie beschriftet. der gedanke ist rund und lässt sich nur mit mühe bändigen, rollt von einer seite zur anderen, bricht aus, dann ab, niedergerungen. paketband herumwickeln und sich dem nächsten zuwenden, schlichten, einwickeln, zukleben und so fort. eine riesige lagerhalle aus satzbau und satzunflätigkeiten, gebaut um zu überdauern, zu trotzen, der zeit und der witterung, gebaut in dem wissen, dass schon der bau irrsinn ist und so nicht funktionieren kann, nie so funktioniert wie man es vorhergesehen hat, so gut man den plan auch skizziert und wieder abpaust und und wieder, auch wenn man die blaupause der blaupause in verschiedenen variationen und auf unterschiedlichen medien archiviert. all das schützt nicht vor dem flächenbrand, der unvermeidlich ist, der alzheimer heißen kann aber nicht muss, wahnsinn heißen kann aber nicht muss, der sengend, langsam und stetig oder aber auch plötzlich, tödlich plötzlich vonstattengehen kann. sterben ist nur eines der undinge gegen die man nicht anschreiben kann, genauso wenig wie gegen den langsamen verfall, der endeffekt bleibt der selbe und unausweichlich und so untheatralisch wie nur irgendmöglich. das ende findet selten auf einer bühne statt. die individualität, an der wir so sehr hängen und der wir uns nie sicher sein können findet die bühne eben so selten. das grämt uns unendlich, dass wir nicht vor aller augen, vor der ganzen welt, in aller öffentlichkeit verfallen dürfen, dass nicht jedem von uns dieses privileg vergönnt ist, dass diese öffentlichkeit eine begrenzte aufmerksamkeitsspannbreite hat erzürnt und erstaunt uns gleichermaßen, hatten wir nicht gedacht, dass, wenn schon nicht für den rest, doch für uns platz ist und wir schämen uns ob dieses gedankenganges heimlich, gezwungenermaßen. das ich und das andere, die dichotomie unseres lebens, die ultimative gegenüberstellung bei der ein teil immer verliert.

das ich ist immer größer, denn es nimmt äonen an platz ein und hektar an zeit, momente an gedanken, die den inneren kosmos ausfüllen, wie nichts da draußen es könnte, denn unsere vorstellung von uns ist immer größer, auch wenn wir es nicht zu erfassen vermögen, schon gar nicht zu vermessen, denn das vorhaben, einen punkt in raum und zeit zu erfassen, sich vorzustellen, zu vereinnahmen, allein ist schon vermessen, man denke nur an descartes und den tisch und wenn man sich noch einen stuhl dazudenkt und dann vielleicht noch einen stift und ein blatt papier, dann ist das maß voll und der gedanke wird zu masse und herunter fallen stühle und federkiele und tischdecken.

das ich ist immer gewichtiger, auch wenn das andere mächtiger wirkt, schon alleine deswegen weil es uns angst macht.

niemalshaltestelle

es wäre wegen der angst, herr oberstationsarzt. es wäre wegen der kinder, herr rezeptverschreibungsmann. der oberste ist immer der eine, der fokus- und der ansprechpunkt, im gegensatz zum ansprechpartner. denn das hat mit partnerschaft nichts zu tun nur mit projektionsfläche und lobhudelei, herr obervonundzukopfdoktor.

die psychiatrie ist wie… dieser satz funktioniert nicht, ist immer zu lang gegriffen, schießt über das ziel hinaus, das ziel der erklärung. jedenfalls hat es mit katzenfutterdosen zu tun, soviel ist sicher. wenn das wägelchen fünf mal am tag über die fliesen rollt, der widerhall schon von weitem zu hören ist und das besteck und die töpfe und teller darauf scheppern, zieht es immer eine prozession an geistig verhungernden hinterher. egal welcher tätigkeit nachgegangen wird, und viel gibt es ja nicht zu tun, eine sache des prinzips, es gibt immer weniger zu tun als es beruhigungsmittel gibt auf einer psychiatrischien station, sie wird fallen gelassen und es wird dem geräusch nachgelaufen, dem geräusch, das sättigung verheißt und doch nie satt macht. damit auch niemand ausgelassen wird, wird es in den zimmern noch einmal ausgerufen: „nachtmahlessen kommt in zwei minuten frau N.“ es ist wie auf einem mittelalterlichen marktplatz auf dem der ausrufer wichtiges mit dem schmettern seiner glocke unterstreicht. je lauter das bimmeln, desto unwichtiger der inhalt, der zumeist aus vanillesauße, brei und salat besteht dem gewalt angetan würde. die schweine spitzen die ohren und strömen zu den trögen.

trag mich über den fluss

nimm mich und trag mich über den fluss. nimm mich langsam und nimm mich vorsichtig. es ist ein flehen, das aus mir herausbricht und mich beschämt. sie streicht mir über das porzellangesicht das nicht mir gehört, nur der riss, der quer über die Wange verläuft ist meiner und versichert mir, dass das nicht ginge. ich müsse schon selbst über die flüsse kommen, sie durchwaten, wo sie flach sind und langsam fließen oder sie durchschwimmen wo es möglich ist oder mir mit treibholz eine brücke bauen. alice hat es doch auch geschafft. alice konnte weit genug springen.

ich bekomme lust mit ihr schach zu spielen und bitte sie darum mir die regeln beizubringen. sie schlägt das regelwerk auf, lacht, lacht lauter, lacht noch mehr, klappt es zu und erklärt mir das spiel ohne regeln. ihr lachen bringt etwas in mir zum schwingen. sie versteckt den springer unter einem stein und ich versuche ihn mit meiner königin zu treffen. mein wurf ist ungelenk, ich verliere meine königin mit einem zug, sie prallt vom tischbein ab und fliegt in eine ganz andere richtung. mit dem könig endlich treffe ich den springer und verliere. sie lacht dreckig, zündet sich eine zigarrette an und wir werfen go-steine über den fluss. mein stein hüpft unerwartet oft über das wasser bevor er versinkt. so gewinne ich zumindest dieses spiel.

es ist zu viel alltag in dir, sagt sie zu mir. ich weiß um meine alltäglichkeit, wusste schon immer um sie, ich nicke mir selbst zu, denn sie sieht mich nicht mehr. sie sieht in den tag hinein und durch mich hindurch. die nacht hat das all und alle sterne und der tag hat nichts, nichts das er mir geben könnte. ich nehme sie bei der hand, wir gehen immer der nase nach bis wir die musik riechen und den schweiß tropfen hören, bis wir müde sind und uns fallen lassen. wir sitzen uns an der tanzfläche gegenüber, ein wenig abseits. die musik lässt unsere haarspitzen vibrieren und unsere fußsohlen in den dünnen sandalen. die luft ist schlecht wie mein atem nach einer schachtel zigaretten. ich atme luft ein und rauch aus und schnippe die totgerauchte zigarette zwischen die tanzenden. sie beobachtet, wie sie ausgetreten wird von unzähligen füßen, sie sieht müde aus. ihre augenringe verschwinden im dunkeln. lächelnd erzählt sie mir von dem tag, an dem sie ausbrechen wird, von dem tag an dem sie ihre sachen zuerst feinsäuberlich zusammenlegen und in koffer packen wird um sie dann wegzuschmeißen. in den sperrmüll, so versichert sie mir. ich höre sie nicht, die musik ist zu laut doch ihre worte nehmen den direkten weg, hallen in meinem schädel wider. sie will nur weg, erklärt sie mir mit händen und füßen und mit dem vibrieren das mein ohr kitzelt. sie will sich zuerst wegwerfen und dann nach indien gehen. ‚macht man das nicht so, nach indien gehen wenn man sich finden will nachdem man sich absichtsvoll verloren hat?‘, fragt sie in die sich rhythmisch bewegenden körper hinein. entschlossen dreht sie sich wieder zu mir, die fremden körper haben ihr die antwort gegeben, die sie brauchte. sie will weg von ihnen, wie sie von sich weg will. indien wird es werden und es soll kein urlaub sein. sie will nichts mehr haben, zu dem sie zurückkehren kann, will alle verknüpfungen auftrennen und ihre wurzeln mitnehmen, ausgraben und mitnehmen, in einem topf wenn es sein muss. ‚es ist zu viel alltag in mir.‘ ihr blick ist stumpf als sie das flüstert. sie will nichts mitnehmen. auch mich nicht.

unsere nackten beine baumeln ins wasser, wir sitzen auf dem steg unten beim kanal. ich sehe die fische, wie sie sich in schwärmen sammeln und kreisend bewegen, nach insekten auf der wasseroberfläche schnappend, das wasser aufwirbelnd, alle farben tragend, tanzend. das schwarmdenken kommuniziert mit mir, lässt mich für einen moment vergessen, lässt mich den augenblick genießen. der umstand, dass sie nur in meinem kopf sind macht mich kurz traurig. das wasser ist trüb und es ist nacht. ich lehne mich vor, strecke den kopf hinein bis mir das wasser über die ohren schwappt und höre der donau zu wie sie zu mir spricht, mir lange, langsame geschichten erzählt, voller dreck, voller trübsal aber auch voller leichtigkeit. man muss genau hinhören, um die leichtigkeit nicht zu verpassen. mir geht die luft aus. ich muss auftauchen.

sie schimpft mit mir, weil ich so schnell das interesse verliere und mit ihm den roten faden. ich sei wie eine katze die ihm nachspringt, dem faden, ihn zwischen den pfoten fängt, daran knabbert und nachdem sie ihn wieder verliert, die jagd nicht mehr aufnimmt, sich umdreht und schlafen legt. sie füttert mich, krault mir den bauch und lässt mich auf ihrem schoß einschlafen. mein schnurren schwillt auf und ab mit ihrem atem. tiere wie ich sind anhänglich.

der ast bricht, ich habe ihn überspannt den bogen der sich zwischen uns erstreckt. ein splitter bohrt sich in meine hand. das spröde holz hat die form eines vogels, eine lüge, doch sie flattert nichts desto trotz. hochfliegend singt er mir das lied von verlust. auf dem waldboden liegend singt er mir das lied von beständigkeit.

© Niemalshaltestelle

das spiel, das wir als nächstes spielen heißt abschied. ich will, dass sie es mir erklärt doch ihr schweigen weigert sich. die höhle in der sie sitzt ist weit unter mir, eine hermetische blase in der sie kauert und wartet bis der abschied vorbei ist, bis das leben beginnt. meine nägel brechen, ich habe an den händen lauter kleine wunden von dem geäst und von den steinen, die ich beharrlich lockere und hinter mich werfe, sie zu einem haufen türme der ihr gesicht trägt. es riecht nach frischem laub und wir frieren als ich hinunterreiche, ihre hand fasse und sie herausziehe, dem boden entreiße, stück für stück. wir liegen schwer atmend im feuchten moos, bilden eine linie, unsere scheitel berühren sich. ich weiß nicht, wie oft ich sie schon ausgegraben und begraben habe. jedes mal ist ein geburtsmal auf meinem körper, ihre summe bildet muster und geschichten. unzählige male. es erschöpft mich.

ich kann nicht alleine sein. ich frage sie, ob sie bei mir schlafen will. ich locke sie mit warmem kakao und einem film ihrer wahl. sie willigt ein, sie hat hier kein zuhause mehr. stricke reißen schnell. ich sperre die haustür auf, die wohnung riecht nach abgestandenem rauch und nach dem wein vom vortag. im spiegel betrachte ich mein gesicht, meine augenringe und fahre den riss entlangt. er ist tief, ich will nicht bis zu seinem ende sehen, bis zum grund und reiße meinen blick los von der furche die weit in mich hineinreicht. die furcht sitzt tief und wartet. ich beobachte ihr spiegelbild, sehe ihr beim ausziehen zu. der kleiderhaufen türmt sich, kleine äste und blätter hängen an ihm, sie denkt nicht daran ihr gewand aufzuheben und zu falten. ordnung muss man nicht machen bevor man geht, ordnung ist nichts das man denen nach sich hinterlassen sollte. manche worte sind belanglos. auch ihre. auch meine. nackt steht sie in der mitte des halbdunklen zimmers, ihre silhouette setzt sich scharf vom hintergrund ab. haare verdecken ihr gesicht, doch ich weiß, dass sie lächelt. sie kommt langsam auf mich zu, nimmt meine hand, sie zieht mich aus der höhle, zieht mich hoch aus der tiefe, fasst mit ihren fingern in meine, fasst mit ihrer hand in meine, streift meinen arm über ihren, streift meine brust über ihre, steigt mit ihren beinen in mich hinein, bricht den riss auf, teilt mich, stülpt mich über. sie streichelt meinen arm. ich sehe sie nicht, doch ich weiß, dass sie lächelt. ihr zukünftiges lachen wird mich zum schwingen bringen, so wie es ihr vergangenes tat. wir müssen ausruhen bevor wir gehen. wir steigen ins bett, decken uns zu. wir gehen endlich schlafen.

DadaMidi

interaktive Installation

© Niemalshaltestelle

basierend auf der Todesfuge von Paul Celan

Ausstellung | Senseperience | 23.06.-10.07. 2011 | Pratersauna
Ausstellung | untitled 2010 | September 2010 | Verein Apparat@X | Kleylehof bei Nickelsdorf

AUSSTELLUNGSTEXT
Die BesucherInnen können in dieser interaktiven Installation mit Sprache Rhythmen kreieren, mit Silben malen, eigene Gedichte formen.

Anders als bei darauf hin konzipierten Lautgedichten, wird ein bestehendes Gedicht im ureigensten Sinn des Wortes dekonstruiert. Die ersten drei Verse der Todesfuge wurden in Silben und Konsonanten zerlegt, jedem Baustein ist eine visuelle und haptische Entsprechung zugeordnet.

DadaMidi ist klar Post-Dada: Es greift Dada auf, wendet ihn an und befüllt das Ergebnis mit einer eigenen, vom Ursprungsgedicht inspirierten Semantik.

TODESFUGE
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken¹
(…)

1: Paul Celan: Todesfuge und andere Gedichte. Suhrkamp BasisBibliothek. Zweite Auflage. 2009.

Gutenachtgedankenlauf

© Niemalshaltestelle

dem Sonnenaufgang davonlaufen
in die Sterne hinein
schnell gehen
über die Schulter zurücksehen
immer wieder
die Entfolgung aufnehmen
dabei zielerstrebend sein
schnell gehen
dem Straßenverlauf entlang
in der Mitte der Straße
wo nichts ist
der Urzeit entsprechend
sich dabei mittig fühlen

die Stimmen der Betrunkenen
vorüberziehen lassen
sie vermischen lassen
zu Klangwolken
indifferent
die Straßengeräusche wallen
auf und ab
darauf achten die Perlenkette
aus Straßenlaternen
überkopf
nicht zu verlieren
den Tunnelblick genießen
eine andere Perspektive als
untertage

sich selbst Gedankenfetzen vorsingen
gegen das Lallen ansingen
gewinnen
im Viervierteltakt
jeden siebten Schritt
stampfend begehen
sich selbst takten
außer Konkurrenz

den Häuserfassaden zusehen
wie sie sich bewegen
auf und ab
dem Straßenverlauf entlang
in der Mitte der Straße
auf das Auto zu
das allein ist
auf diesem Weg
bis es ausweicht
vorbeistreift
Neonschilder spiegeln sich
gebrochen
im dreckigen Lack

das Schwarz bricht weiter auf
das Licht nimmt
die Verfolgung an
nimmt sich was es will
zäher Honig
der beständig ist
der gegen die Dunkelheit besteht
gegen sie anfließt
sich zielvoll verläuft

der Straße entkommen
die geflutet wird
in den Hauseingang fliehen
die Tür aufschwingen
die Treppen nehmen
sie fest nehmen
schnell besteigen
das Vorzimmer entern
gegen Türen rennen
ins Bett stolpern
an der Decke zerren
sie über den Körper stülpen
ja nichts herausstehen lassen
hoffen
zittern
dass das Licht nichts sieht
dass der Tag vorüberzieht
blind

wenn die Lichtlosigkeit heranbricht
beginnt die nächste Flucht
in die Sterne hinein

Faltenbälger

Ich nehme mir vor zu den Gemeinplätzen zu fahren. Sie sind nicht appetitlich, ich habe aber sowieso schon gegessen also stört mich das nicht. Ich frage den Fahrer wo ich aussteigen muss. Er sagt es mir und ich setze mich in die Reihe ganz hinten mit dem Rücken zur Fahrt. So habe ich das Vorbeihuschende besser im Auge, es ist nicht gleich weg wenn man es gerade entdeckt hat, man kann ihm dabei zusehen wie es weit hinter dem Bus verschwindet, man hat Zeit und die brauche ich auch. Die Menschen steigen ein und aus, tröpfeln der Stadt entgegen oder drängen aus ihr heraus zu mir herein.

Die Faltenbälger unterhalten sich ganz prächtig miteinander, sie jauchzen und quietschen, sie schreien und lallen. Zwei von ihnen streiten sich um einen Platz, sie atmen Luft ein, atmen sie wieder aus, ein, aus. Das Ausatmen ist ein Schrillen, jeder Ausatemstoß jedes Faltenbalges in diesem Bus ist ein schrilles Quietschen, synchron und asynchron und beständig. Sie streiten indem sie jedes Ende einer Atemphase zu einer Kakophonie aus Lärm machen, aus Unerträglichkeit, aus Faltenbalgböswilligkeit. Einer hat seinen Schnuller fallen lassen und fällt mit ein. Aus, ein, aus. Ein, Lärm, ein, Lärm, ein unerträglicher Lärm, hochfrequent wie ihn kein Mensch sonst von sich geben kann. Meine Ohren haben Zahnweh. Mein Uterus auch. Ich will sie verschließen mit Wachs, doch ich habe nichts bei mir. Ich sehe aus dem Fenster. Ich konzentriere mich indem ich loslasse. Ein, aus, ein, aus. Die Faltenbälger flirren, meine Sicht flirrt. Ich verfolge mit meinen Augen eine Apotheke, aus der gerade eine alte Frau kommt. Ihre viel zu roten faltigen Lippen verschwinden aus meinem Sichtfeld. Ihre türkise Tasche auch. Ein, aus. Ich lasse mich los und plötzlich höre ich nichts mehr. Die schweigende Euphonie umfließt mich. Ich sehe alles ganz scharf, die Farben sind wie immer, gleichzeitig anders. Ich hebe die Hand, drehe sie, beobachte verwundert den Handrücken, drehe sie, betrachte die Innenseite. Es ist eine sehnige Hand, dünn und schmal mit langen harten Nägeln. Ich befühle sie mit der anderen. Es ist nicht meine, offensichtlich nicht. Sie fühlt sich falsch an, nicht nur anders, falsch. Ich weiß, dass die Hand kalt ist aber ich kann es nicht spüren. Dieses Wissen ist vielmehr tief in mir verankert, es ist intuitiv. Empathie für mich. Ich kann nachempfinden was ich denke, denn ich bin ein emphatischer Mensch. Ich empfinde die Kälte nach, sehe die durchscheinende Haut, sehe den eingerissenen Daumennagel. Er fühlt sich rauh an, sagt meine Empathie zu mir. Ich sehe mir dabei zu, wie ich aus dem Fenster sehe und ich sehe meinen Gedanken zu, wie sie das Fensterglas durchbrechen.

Ein Augenzuschlag, ein Wimpernausblick und ich nehme die Sonne wahr, die diffus durch die Wolken bricht, sie aufbricht und sich niederbrechen lässt bis sie kaum mehr da ist. Aber ich weiß dass sie da ist, denn ich fühle mich heute so mitempfindlich. Nicht mit anderen Menschen, nur mir mit mir und dem, wofür ich gerade existiere und das ist jetzt gerade, in diesem diffusen Moment, das Licht, das sich von den Wolken aufbrechen lässt. Die Bäume verformen sich jahresbestimmt. Ich weiß wie es ist, wenn sie ihren Zyklus begehen, wenn die Zeit ihnen zusetzt und deshalb sehe ich es auch geschehen. Die Blätter atmen im Takt der Räder, jedes Türenzuschnappen und Signalgeräusch, dass zeigt, der Bus fährt ab, ist ein Blatt, dass auf dem Boden aufkommt. Zuerst  nur eines, dann viele. Die Türe schließt sich, die Hydraulik zischt und die Blätter fallen. Ich höre wie sie aufkommen und wie es knackt wenn sie sich von Rot zu Braun färben. Kahlheit stellt sich ein. Die Welt atmet und ich atme in ihr, ich würde sie gerne in mich hineinlassen aber ich habe Angst, dass sie mich mit ihrem Pulsieren zerreißt. Der Luftzug ist in meinem Kopf und ich spüre mich nicht. Das Meer hat genau so gerochen früher im Faltenbalgalter, wie dieser Lufthauch, der durch mich geht. Ich war einmal eine Röhre, frei nach Nothomb, eine Öffnung zur Nahrungsaufnahme und eine zur Entleerung, Existenz um der Existenz willen. Aus reiner Boshaftigkeit. Röhren sind die Vorstufe zur Faltenentbalgung, die Röhrenmitte nur dazu da aufzugehen wie Teig. Die Augen öffnend sehe ich die Wellen vor mir wie sie sich verkriechen in die Ebbe und ich bin der Wattwurm, der bleibt und im Matsch spielt und vor der Sonne flüchtet, wenn die Wolken nicht kämpferisch genug sind. Erst die Schokolade gibt leben. Sie ist es, die den Röhrenwürmern die Existenz raubt und ihnen Lust bereitet damit sie mehr wollen. Wollen heißt leben. Ich bin voller Erinnerung und ohne mich. Das Gefühl ist seltsam und nicht meines. Ein bisschen. Ein bisschen mehr. Wie so vieles.

Ein Gemeinplatz ist speziell für mich reserviert. Eine Friedhofsparzelle auf die man sich vorzeitig legen kann wenn man aufgegeben hat und andere Leute für sich entscheiden lässt. Der Bus bewegt sich zu meinem Ziel hin, die Häuser ziehen an mir vorbei, die Menschen ziehen an mir vorbei, ihre Hunde angeleint, ihre Münder zum Gespräch geöffnet, ihre Gesichter im Moment erstarrt. Die Haltestellen rufen mir zu, doch ich gehorche ihnen nicht. Aussteigen ist keine Option. Das Zukünftige liegt hinter mir und ich bewege mich darauf zu.

asleep in a foreign place

Asleep in a foreign place ist eine Monographie der jungen Berliner Künstlerin Moki, die 2006 bei Kikipost erschienen ist und Einblick in ihr Schaffen von 2004-2006 gibt.

http://www.reprodukt.com/leseprobe.php?id=3980976955&page=1

Die Bilder sind vorrangig auf Holz gemalt. Sie spielt gekonnt mit den Untergründen, implementiert die vorgefundenen Maserungen in ihre Bildsprache, wodurch wunderschön durchkomponierte Zeichnungen entstehen. Die organischen Ringe des Holzes werden so zu spiegelnden Seen, zu Baumrinde, zu Himmel. In ihrer Streetart geht sie ebenso auf die Umgebungsarchitektur ein, transformiert mit einem Augenzwinkern bestehende Räume und vereinnahmt sie so. Ihre Liebe zum Detail, zum Kleinen im Ganzen ist hier erkennbar. streetartBSP I In anderen Arbeiten thematisiertsie eines ihrer Leitmotive: die ohne Verankerung schwebende Insel. Ein intimer Ort, an den man sich gedanklich zurückziehen kann, die Antithese zum urbanen Alltag. streetartBSP II

Die kreierten Landschaften setzen den Titel auf vielen Ebenen um. Beim Betrachten taucht man in sie ein, man fühlt, dass ein Teil des eigenen inneren Raumes darin umgesetzt ist, da Moki viele feinziselierte Details einflicht und gleichzeitig viel Platz für Projektion lässt; emotional landscapes, wenn man so will. Der surreal traumhafte Charakter der Zeichnungen ist nicht nur schön anzusehen, er ist gleichzeitig das Punctum ihrer Werke. Details, die den Blick festhalten und einen greifen.

http://www.reprodukt.com/leseprobe.php?id=3980976955&page=2

Ihre Arbeiten in der vorliegenden Monographie lassen sich in fotoreal und mangainspiriert unterteilen, wobei ich ihre comichaften Elemente spannender finde. Beeinflusst ist Moki nach eigener Aussage von Hayao Miyazaki, Inka Essenhigh, Lyonel Feininger und Haruki Murakami. Inka Essenhigh lässt sich in ihren Landschaftsarbeiten finden. Der Einfluss von Miyazaki ist für mich am offensichtlichsten. Sie erweitert seine Bildsprache um ihre eigenen Gedanken, ihren eigenen Stil, erzählt Geschichten mit aus seinen Filmen entnommenen Elementen. Viele ihrer Figuren ähneln denen Miyazakis, fangen deren Essenz ein, haben etwas mysthisches und repräsentieren zugleich etwas, das man sich als Kind immer gewünscht hat. Ihre Strichführung erinnert mich an Yoshitaka Amanos The Dream Hunters (The Sandman, 2000), ohne seine überstrapazierten Jugendstilanleihen.

Zur Zeit ist asleep in a foreign place leider vergriffen, man kann ihr aber eine Mail mit Bestellwunsch schreiben. Ich empfehle den Kauf und auch einen Besuch auf ihrer Website. Ich habe mir mit ihren Bildern Teile meines Zimmers tapeziert – naturgemäß auch über den Bettbereich. Es wäre zu schade, den Bildband gebunden zu belassen.

http://www.reprodukt.com/image.php?image=3980976955.jpg

asleep in a foreign place
kikipostverlag 2006, ISBN 978-3-938511-30-5, 96 pages, 17 x 24 cm, color, 18 euro, softcover

www.mioke.de

Traumsequenzen

© Niemalshaltestelle
Ausstellung | Zweitraum | 04.04.2008
Die Traumsequenzen sind vor Imago entstanden und bewegen sich, im Gegensatz zu der späteren Arbeit, auf der Narrationsebene. Der Begleittext verknüpft die Fotofragmente zu einer sequentiellen Handlung, die ohne den Text nicht erschließbar wäre. Der Text entstand nach Bretons écriture automatique: Gleich nach dem Aufwachen, ohne nachzudenken aufgeschriebene Textfragmente – herausgeflossen wie Traumsand – der Versuch die Worte nicht erst zu begreifen, sondern sie direkt zu bannen und zu binden.

Hommage an Jan Švankmajer

Collageserie, basierend auf Švankmajers Gedichten und Arbeiten. Entstanden 2007.

© Niemalshaltestelle

Imago*

Fotoausstellung & Screening | KSŠŠD | 02.11.2008

© Niemalshaltestelle


die ganze Fotoserie
Ausstellung | 02.11. 2008 | KSŠŠD

AUSSTELLUNGSTEXT
Die Zeit vor dem Schlaf ist das Larvenstadium, der Schlaf selbst, die vollständige Metamorphose, die das Selbst auflöst und in eine Ichsuppe verflüssigt, die sich nach dem Aufwachen zu etwas völlig Neuem zusammenfügt. Zufällig. Träume verarbeiten und verändern die über den Tag gespeicherte Information. Man durchlebt, durch das Unterbewusste gesteuerte Emotionen. Man mutiert und wacht mit völlig neuen Gemütszuständen und Eigenschaften auf.

Der fertige Imago existiert den Tag hindurch, bis sich der Vorgang wiederholt. Die Bildsequenz visualisiert das Unterbewusste, das Wandelbare; zeigt, wie wir unsere Träume durchleben und wie sie uns verändern. Wie uns unser Unterbewusstsein verändert. Wie wir uns also eigentlich selbst verändern, es uns jedoch wie eine spontane Mutation vorkommt.

* Insektoides Adultstadium: die Larve verpuppt sich und es geht ein kompletter Umbau mit
vollständiger Auflösung und Zerstörung der larvalen Organe und Neubildung der Adultorgane
vonstatten.

KONZEPT
Wie auch schon in der Arbeit Traumsequenzen geht es bei Imago darum, das nicht Darstellbare, das durch und durch individuell Unterbewusste abzubilden: Trauminhalte. Kurze wirre Handlungsabfolgen, überschattet von intensiven Emotionen. Wie transportiert man diese Impressionen, sodass bei dem/der BetrachterIn ein ähnliches Gefühl entsteht?
Beide Arbeiten stehen in direktem Zusammenhang und behandeln diese Problemstellung auf unterschiedliche Weise.

Imago beschäftigt sich mit der Frage nach dem, was ein Traum in uns auslösen kann. Was bleibt nach dem Aufwachen zurück und wie wird der darauffolgende Tag, vielleicht auch unser restliches Leben durch ihn beeinflusst?

%d Bloggern gefällt das: